Wer im B2B-Umfeld Online-Werbung plant, denkt meist in vertrauten Kanälen: Suchanzeigen, Display-Kampagnen, LinkedIn-Ads, dazu etwas Suchmaschinenoptimierung für die eigene Website. Seit Einkaufsabteilungen und Fachentscheider ihre ersten Recherchefragen aber zunehmend an ChatGPT, Perplexity oder die KI-Übersichten in der Google-Suche richten, verschiebt sich ein Teil der Sichtbarkeit an eine Stelle, an der klassische Anzeigen nicht greifen. Dieser Beitrag ordnet ein, was sich dadurch für die Planung von Werbebudgets ändert und was nicht.
Was sich im Rechercheverhalten verändert
Eine typische B2B-Recherche lief lange in festen Schritten ab: Suchbegriff eingeben, die ersten Treffer und Anzeigen anklicken, Anbieter-Websites vergleichen, Whitepaper herunterladen. Bei Fragen wie „Welche CRM-Software eignet sich für einen Maschinenbauer mit 80 Mitarbeitenden?“ oder „Welche Dienstleister prüfen ISO-27001-Anforderungen?“ liefern KI-Systeme heute oft direkt eine zusammengefasste Antwort mit einer Handvoll genannter Anbieter. Wer in dieser Antwort nicht vorkommt, erscheint für diese Person in diesem Moment schlicht nicht auf der Liste.
Für Werbetreibende ist das ungewohnt, weil sich diese Nennungen nicht direkt kaufen lassen. Es gibt keinen Gebotsmechanismus, keine Keyword-Liste und keinen Qualitätsfaktor im bekannten Sinn. Die Systeme stützen sich auf Inhalte, die sie im Netz finden, und bewerten, welche Quellen eine Frage glaubwürdig beantworten.
Was das für bezahlte Kanäle bedeutet
Suchanzeigen verlieren dadurch nicht ihre Berechtigung. Wer bereits weiß, welche Lösung er braucht, sucht weiterhin gezielt nach Produktnamen, Preisen oder Demo-Terminen, und dort bleiben Anzeigen ein planbarer Kanal. Die Verschiebung betrifft vor allem die frühe Phase, in der jemand noch keine Anbieter kennt und erst herausfinden will, welche Optionen es gibt.
Für die Budgetplanung lassen sich daraus einige praktische Folgerungen ableiten:
- Brand-Kampagnen genauer beobachten: Steigen die Suchanfragen nach dem eigenen Markennamen, obwohl die generischen Klicks stagnieren, kann das ein Hinweis darauf sein, dass Interessenten den Namen anderswo aufgeschnappt haben, etwa in einer KI-Antwort.
- Generische Keywords kritisch prüfen: Bei sehr frühen Informationsfragen sinkt die Klickbereitschaft, wenn die Antwort bereits oberhalb der Treffer steht. Hier lohnt ein Blick auf Klickrate und Kosten pro qualifiziertem Kontakt statt nur auf Impressionen.
- Landingpages für den zweiten Kontakt bauen: Wer über eine KI-Antwort auf die Marke stößt, kommt oft mit konkreteren Fragen. Seiten mit klaren Leistungsbeschreibungen, Einsatzbeispielen und Ansprechpartnern holen diese Besucher besser ab als allgemeine Imageseiten.
Organische Grundlage bleibt Voraussetzung
Ein häufiges Missverständnis lautet, KI-Sichtbarkeit sei ein völlig neues Feld, das klassische Suchmaschinenoptimierung ablöst. Tatsächlich greifen viele KI-Systeme bei aktuellen Fragen auf Suchindizes zurück. Eine Website, die technisch sauber ist, indexiert wird und ihre Leistungen in Textform erklärt, ist deshalb weiterhin die Basis. Wer Inhalte nur in PDFs, Bildern oder hinter Formularen versteckt, macht es jedem System schwer, sie zu verarbeiten.
Hinzu kommt ein technisches Detail, das in Marketingabteilungen oft übersehen wird: Manche Firewalls oder Einstellungen in der robots.txt sperren die Crawler der KI-Anbieter aus, ohne dass dies bewusst entschieden wurde. Bevor Geld in neue Maßnahmen fließt, lohnt ein kurzer Abgleich mit der IT, welche Bots die Website überhaupt lesen dürfen.
Externe Quellen gewinnen an Gewicht
Der größte Unterschied zur klassischen Online-Werbung liegt darin, dass KI-Antworten stark von dem abhängen, was andere über ein Unternehmen schreiben. Fachmedien, Branchenverzeichnisse, Bewertungsportale und Vergleichsartikel fließen in die Einschätzung ein, welcher Anbieter für eine Frage relevant ist. Für Marketingteams bedeutet das, dass klassische Pressearbeit, Fachbeiträge und gepflegte Einträge in seriösen Verzeichnissen wieder einen messbaren Platz im Mediaplan bekommen.
Wichtig ist dabei Konsistenz: Firmenname, Leistungsbeschreibung, Standorte und Ansprechpartner sollten auf der eigenen Website, in Verzeichnissen und in Profilen übereinstimmen. Widersprüchliche Angaben erschweren es Systemen, ein Unternehmen eindeutig einer Kategorie zuzuordnen.
Einen guten Überblick über Begriffe, Abgrenzung zu SEO und typische Leistungsbausteine bietet der Ratgeber zu Generative Engine Optimization im B2B. Dort wird auch beschrieben, woran sich seriöse Angebote von Dienstleistern erkennen lassen, etwa daran, dass keine Platzierungen in ChatGPT garantiert werden.
Messung: Warum einzelne Abfragen wenig aussagen
Werbetreibende sind an klare Kennzahlen gewöhnt: Impressionen, Klicks, Conversions. Bei KI-Antworten fehlt diese Datenlage weitgehend. Hinzu kommt, dass Antworten auf dieselbe Frage schwanken, je nach System, Formulierung, Sprache und Zeitpunkt. Wer einmal selbst nachfragt und seine Marke findet oder nicht findet, hat deshalb wenig gelernt.
Sinnvoller ist ein fester Fragenkatalog, der regelmäßig wiederholt wird:
- Zwanzig bis vierzig echte Fragen sammeln, die Kunden im Vertrieb tatsächlich stellen. Der Vertrieb und der Kundenservice sind dafür die besten Quellen.
- Diese Fragen in mehreren Systemen stellen und notieren, welche Anbieter und welche Quellen genannt werden.
- Den Durchlauf in einem festen Rhythmus wiederholen, etwa monatlich, und Veränderungen dokumentieren.
- Parallel prüfen, ob Brand-Suchen, direkte Zugriffe und Anfragen über das Kontaktformular sich verändern.
Das Verfahren ist aufwendiger als ein Blick ins Werbekonto, liefert aber eine belastbarere Grundlage als Momentaufnahmen. Die wissenschaftliche Diskussion steht noch am Anfang; ein häufig zitierter Ausgangspunkt ist das Paper „GEO: Generative Engine Optimization“ von 2023, das Ansätze beschreibt, aber keine Garantien für einzelne Maßnahmen liefert.
Was B2B-Teams jetzt konkret tun können
Für Teams mit begrenztem Budget empfiehlt sich eine schrittweise Herangehensweise, die bestehende Kampagnen nicht gefährdet:
- Bestehende Suchkampagnen weiterführen, aber Brand- und Generik-Kampagnen getrennt auswerten.
- Die wichtigsten Leistungsseiten so überarbeiten, dass sie konkrete Fragen in eigenen Abschnitten beantworten, mit klaren Aussagen zu Zielgruppe, Einsatzbereich und Grenzen des Angebots.
- Einen Teil des Budgets für Fachbeiträge, Verzeichniseinträge und Pressearbeit reservieren, die das Unternehmen in seriösen Quellen sichtbar machen.
- Einen einfachen Fragenkatalog für das Monitoring anlegen und die Ergebnisse quartalsweise mit den Vertriebszahlen abgleichen.
Online-Werbung im B2B wird damit nicht neu erfunden. Sie wird breiter: Neben der bezahlten Reichweite zählt stärker, wie gut ein Unternehmen in den Quellen beschrieben ist, die KI-Systeme für ihre Antworten heranziehen. Wer beides zusammendenkt, verteilt sein Budget gezielter als jemand, der nur auf einen der beiden Bereiche setzt.
